Ausgabe September 2020

Kurzgefasst September 2020

Jürgen Habermas: 30 Jahre danach: Die zweite Chance. Merkels europapolitische Kehrtwende und der innerdeutsche Vereinigungsprozess, S. 41-56

Wie kommunizierende Röhren vollzogen sich nach dem Mauerfall die deutsche und die europäische Einigung – und beide gerieten durch den Aufstieg des Rechtspopulismus in eine fundamentale Krise. Doch die EU-Politik infolge der Coronakrise, so der Philosoph und „Blätter“-Mitherausgeber Jürgen Habermas, habe beiden Prozessen eine zweite und vielleicht letzte Chance beschert, die es unbedingt zu nutzen gelte. Nur wenn wir unsere nationalen Kräfte für den entscheidenden Integrationsschritt in Europa bündeln, werde die Europäische Union als globaler Akteur eine Zukunft haben.

Sarah Churchwell: Der amerikanische Faschismus: Vom Ku-Klux-Klan zu Trump, S. 57-68

Oft heißt es, Donald Trump regiere zwar autoritär, könne aber nicht mit den historischen Faschisten verglichen werden. Diese seien ein europäisches Phänomen der Zwischenkriegszeit, Trump hingegen sei durch und durch amerikanisch. Doch diese Sicht ist allzu bequem, warnt die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell: Auch die Vereinigten Staaten haben eine lange Tradition faschistischer Organisationen, vom Ku-Klux-Klan bis zu den US-Braun- und Schwarzhemden der 1930er und 1940er Jahre. Und deren Slogans greift Trump heute offen auf – allen voran „America First“.

Adam Tooze: Der Kampf des Jahrhunderts. Washington, Peking und das Revival der Großmachtkonkurrenz, S. 69-82

Der eskalierende Handelskrieg zwischen China und den USA weckt Befürchtungen vor einem endgültigen Bruch zwischen beiden Ländern – und gar einem neuen Kalten Krieg. Jedoch wäre dieser Konflikt so neu keineswegs, argumentiert der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Vielmehr könne vom Sieg des Westens nach 1989 mit Blick auf Asien keine Rede sein. Unter Führung der Kommunistischen Partei hat sich in China ein Regime gebildet, das sich radikal vom amerikanischen Modell unterscheidet und sich auf einer welthistorischen Mission sieht. Unter Donald Trump versucht Washington nun, den Rivalen aggressiv in die Schranken zu weisen. Daher sei es höchste Zeit für eine neue Entspannungspolitik.

Steffen Lehndorff: Vorbild und Verheißung: Roosevelts New Deal, S. 83-93

In Europa und den USA fordern progressive Kräfte einen Green New Deal. Sie berufen sich dabei auf ein großes historisches Vorbild: Franklin D. Roosevelts New Deal aus den 1930er Jahren. Der Ökonom Steffen Lehndorff analysiert die Erfolgsvoraussetzungen des New Deal, seine Krisen und Höhepunkte, sowie das Wechselspiel von Regierung und den damaligen Bewegungen – als hochaktuelles Lehrbeispiel für die Gegenwart.

Jörg Hofmann: Corona oder: Die Krise als Chance für eine sozial-ökologische Transformation, S. 94-100

Die Corona-Pandemie hat die Bundesrepublik in die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte gestürzt. Als unumstößliche geltende – vermeintliche – Gewissheiten wurden über Nacht förmlich pulverisiert. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann analysiert die Auswirkungen der Krise in den verschiedenen Sektoren wie auch ihre Folgen für die Arbeitnehmerschaft. Und er macht Vorschläge zu ihrer Bewältigung im Sinne einer sozial-ökologischen Umgestaltung der Arbeitswelt.

Jörg Haas und Barbara Unmüßig: Die »Carbon Bubble«: Finanzwirtschaft am Kipppunkt? Wie Umweltbewegung und BlackRock die Klimakrise bekämpfen könnten, S. 101-113

Immer mehr Finanzmanager ziehen sich aus Geschäften mit Kohle, Öl und Gas zurück – aus Angst, durch den Klimawandel Rendite zu verlieren. Erleben wir also einen Kipppunkt in der Beziehung zwischen Finanzwelt und fossiler Wirtschaft? Der Geograph Jörg Haas und die Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung, Barbara Unmüßig, stellen fest: Es gibt deutliche Anzeichen für eine solche Trendwende, doch könnten die aktuellen Hilfspakete das angeschlagene fossile Imperium erneut stabilisieren.

Alexandra Senfft: Feministinnen für den Frieden: Der Kampf gegen Netanjahu, S. 115-120

Seit Wochen protestieren tausende Israelis für den Rücktritt von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – die treibenden Kräfte dabei sind Frauen. Die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert zentrale Protagonistinnen dieser neuen, feministischen Bewegung. Seit Jahren kämpfen sie für gleichen Zutritt zu den Entscheidungsebenen in der Politik und gegen die Militarisierung der Gesellschaft. Denn diese geht noch immer zu Lasten von Frauen, speziell der palästinensischen Israelinnen.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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