Ausgabe Januar 1992

Wir und sie

Atlantiküberquerungen

Im Sommer 1973 kam ich mit meiner Familie nach Westberlin. Ich hatte ein Stipendium erhalten, das mir das erlaubte, was ich immer tun wollte: Schreiben. Berlin war damals — mit der Mauer mitten hindurch — das Spiegelbild der Konfrontation zwischen Ost und West, eine Kreuzung unterbrochener Wege, wo man wie in einem Labor zwei gegensätzliche und miteinander streitende Systeme untersuchte.

Fern von jener kulturellen und ideologischen Doppelbühne, auf der im Chor und mit Weltresonanz zum Ruhm eines jeden Systems gesungen wurde, lag das dunkle, stumme Nicaragua der Familie Somoza, das keine Bühne besaß. Nicaraguaner in Berlin zu sein, galt als nichts Ungewöhnliches — dem Obstverkäufer um die Ecke in der Helmstedter Straße, in Wilmersdorf, dem alten Viertel der jüdischen Bourgeoisie, wo ich wohnte, mußte ich in meinem tropischen Deutsch erklären, daß Amerika ein zu großer Kontinent sei, um ihm etwas über Pittsburgh erzählen zu können, wohin sein Bruder emigriert war.

Nichts über Nicaragua.

Januar 1992

Sie haben etwa 40% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 60% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo