Ausgabe März 1993

Bekämpfung von Armut und Unterversorgung in Deutschland

Positionspapier der Nationalen Armutskonferenz, vorgestellt am 21. Januar 1993 (Wortlaut)

Vorwort: Eine Konferenz traurigen Anlasses

Vier Millionen Menschen, so wissen wir, treten derzeit im Laufe eines Jahres den Gang zum Sozialamt an — und ihre Zahl wächst. 150 000 Menschen leben in der Bundesrepublik ohne ein Dach über dem Kopf — und ihre Zahl wächst. Über drei Millionen Menschen sind ohne Arbeit — und ihre Zahl wächst. Die Begutachter unserer Wirtschaft kündigen Nullwachstum an. Die Finanzverantwortlichen unseres Gemeinwesens „Bundesrepublik" sprechen von der Notwendigkeit des Sparens und planen „unpopuläre" Maßnahmen. Die Würde des Menschen zu sichern, so wie es die Verfassung gebietet und das Bundessozialhilfegesetz vorschreibt, bedarf nicht nur des ernsthaften Willens. Es bedarf auch der gemeinsamen Sprache der Betroffenen und des Sachverstandes und Wissen um die Lebensbedingungen derer, die am Rande unserer Gesellschaft leben. Niemals in der Geschichte der Bundesrepublik bedurften die Armen so offensichtlich einer Lobby wie heute. Zu groß ist die Gefahr für sie, im Schatten der Herausforderungen, vor denen das vereinte Deutschland steht, zu verschwinden oder in den Zwängen des politischen Geschäfts vergessen zu werden. Angestoßen durch die Gründung des Europäischen Netzwerkes „Kampf gegen die Armut" haben sich die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik und die auf diesem Feld bundesweit tätigen Fachverbände und Selbsthilfeorganisationen daher zu einer ständigen Nationalen Armutskonferenz zusammengefunden. Die Kirchen und der Gewerkschaftsbund schlossen sich als ständige Gäste an - insgesamt ein nicht gewöhnlicher Schritt in einer nicht gewöhnlichen Zeit.

In gemeinsamer Anwaltschaft für die Armen wendet sich die Nationale Armutskonferenz nun erstmals mit grundsätzlichen Aussagen zur sozialen und politischen Entwicklung in unserem Lande an die Öffentlichkeit. Sie legt ihr Selbstverständnis, ihre Ziele und ihre Vorhaben dar - in der Hoffnung, daß es diese Konferenz einmal nicht mehr geben müssen wird.
-Ulrich Schneider, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz

Die Nationale Armutskonferenz ist ein Forum von Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege und Fach- und Selbsthilfeorganisationen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, das Armutsproblem zu überwinden, bzw. die Selbsthilfeansätze der von Armut betroffenen oder bedrohten Bevölkerungsgruppen repräsentieren. Die Nationale Armutskonferenz versteht sich zum einen als Parallelorganisation zu den nationalen Armutsnetzwerken in den übrigen EG-Mitgliedsländern und ist Teil des Armutsnetzwerkes auf EG-Ebene. Sie will zum anderen auf nationaler Ebene einen Beitrag leisten zur Vernetzung der Aktivitäten zum Armutsproblem.

Als Teil des europäischen Armutsnetzwerkes sieht die Nationale Armutskonferenz ihre Aufgabe auch darin, auf europäischer Ebene Sozialpolitik mitzugestalten. Dabei geht es zunächst darum, die genaue Aufgabenstellung des europäischen Netzwerkes zu klären. Es ist das Ziel der Nationalen Armutskonferenz zu erreichen, daß Wohlfahrtsverbände und Fach- und Selbsthilfeorganisationen in Zukunft an der Erstellung und Durchführung von Programmen zur Armutsbekämpfung beteiligt werden. Die in der Nationalen Armutskonferenz zusammengefaßten Organisationen sind bereit, Verantwortung auch über den nationalen Bereich hinaus zu übernehmen. [...]

 

--

Leider ist dieser Beitrag in der HTML-Ansicht nur in Auszügen verfügbar. Den gesamten Text finden Sie in der PDF-Datei, die auf dieser Seite zum Download angeboten wird.

 

 

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo