Ausgabe Januar 1995

Auf der linken Seite des deutschen Sonderwegs

Hebt man in diesem Winter einige auf dem Weg liegende „Blätter" aus dem letzten Jahr auf, so stellt man fest: Die neue Zuwendung zum okzidentalen Universalismus wird nicht angemessen als Damaskus aufgefaßt, sie bleibt äußerlich und geht nicht mit der nötigen Revision linker Denkgewohnheiten einher. Nach wie vor soll der Staat zugunsten des Volkes entmachtet werden, nach wie vor steht Hobbes im Gegensatz zu Rousseau in schlechtem Licht, nach wie vor herrscht materialistische Metaphysikfurcht mit der Wirkung, daß Sprache und Prozedur substantiellen Inhalten vorgezogen werden, nach wie vor wird der philosophische Dualismus zwischen der Realität und einer davon unabhängigen normativen Ordnung abgelehnt und der den deutschen Sonderweg kennzeichnende Monismus weitergeführt.

Vom Bock zum Gärtner

Gegenüber dem Angriff der jungen Rechten formiert sich bei den alten Linken ein Selbstbewußtsein, das den Begriff Selbstanerkennung verwendet. Man will mit diesem von Golo Mann in den 60er Jahren geprägten Begriff zur Würdigung der republikanischen Leistung der Bundesrepublik auffordern und einer Erscheinung vorbeugen, die man Weimarisierung nennt: der Distanzierung der geistigen Oberschicht von der demokratischen Staatsform. Nicht zufällig hat man einen Begriff gewählt, der sich auf die „alte Bundesrepublik" bezog.

Januar 1995

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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