Madeleine Albrights Weltreise war ein persönlicher Erfolg. Die "New York Times" titelte: "Sie stolziert über die Weltbühne - mit der Ausstrahlung eines Stars". Auf der anderen Seite illustrierte ihre Antrittsreise unglücklicherweise auch das Problem der heutigen US-Außenpolitik. Diese steht nicht länger wirklich unter der Kontrolle der Stars oder überhaupt der Exekutive. Die Liste der Streitpunkte, die während ihrer Reise auf den Tisch kamen, reicht vom Widerstand Rußlands gegen die NATO-Erweiterung über europäische Resistenz gegenüber Amerikas Bemühungen, andere Länder zur Teilnahme am Kuba-Boykott zu nötigen, deutschen Ärger über absurde und unverschämte amerikanische Vorwürfe in puncto Umgang mit Scientology, französische Feindseligkeit wegen der Unwilligkeit der USA, NATO-Kommando-Posten europäischen Offizieren zu überlassen bis zu den üblichen Streitereien mit Japan über freien Marktzugang. Jedes einzelne dieser Probleme hat seinen Ursprung in Washington (mit Ausnahme der Scientology-Geschichte, die aus Hollywood stammt). Keines wäre wirklich nötig. Man kann zwar sagen, daß der Streit um die Menschenrechte in China von der Art herrührt, wie die chinesische Regierung ihr Volk behandelt, und die Handelsdifferenzen mit Japan daher, wie Japan seine Binnenwirtschaft reguliert.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.