Ausgabe Januar 2000

Mut und Kalkül. Der französische Weg zur 35-Stunden-Woche

In Frankreich, dessen Öffentlichkeit mehr nach Deutschland schaut als die deutsche nach Frankreich, kursiert das Bonmot, daß in Deutschland über neue Gesetze nur wenig diskutiert werde, hinterher jedoch sich alle an die Regelungen hielten. In Frankreich sei es umgekehrt: Im Vorfeld eines neuen Gesetzes schlügen die Wogen hoch, doch wenn es einmal verabschiedet sei, gerate es rasch in Vergessenheit. Nun haben wir Deutschen allen Anlaß, dieser Karikatur zu mißtrauen, denn nur zu gut kennen wir die Frage deutscher Handwerker, ob man wirklich eine Rechnung benötige, und als Urlauber sind wir vielleicht schon einmal mit der französischen Verkehrspolizei auf ihren berüchtigten Motorrädern in Konflikt gekommen. Doch wenn die Pariser Regierung pünktlich zum Millennium die 35-Stunden-Woche zur gesetzlichen Arbeitszeit erklärt (Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten wird diesbezüglich eine Galgenfrist von zwei Jahren gewährt), dann drängt sich doch die Frage nach dem berühmten Körnchen Wahrheit auf. Denn das Papier, auf dem die „35“ steht, kann sehr geduldig sein, wenn in Wirklichkeit einfach mehr Überstunden geleistet werden, und dies obendrein möglicherweise noch unentgeltlich. In den deutschen Medien jedenfalls scheint man das Ganze für eine nicht ganz ernstzunehmende Extravaganz zu halten.

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