Ausgabe November 2003

Türken am Tigris

Es waren die altkonservativen Kräfte in Washington, die Ankara dazu brachten, einer Entsendung türkischer Besatzungstruppen in den Irak im Grundsatz zuzustimmen – hauptsächlich Militärs und um ihre Wiederwahl besorgte Kongressabgeordnete der Republikaner sowie nervös gewordene Menschen im Weißen Haus.

10 000 Türken im Irak, denken sie, das bedeute, 10 000 Amerikaner nachhause holen zu können. Aber so einfach ist die Sache nicht. Was oberflächlich betrachtet wie eine gute Idee aussieht, dürfte vor dem Hintergrund einer in Unkenntnis der Region und ihrer Geschichte konzipierten Politik zusätzliche Schwierigkeiten bewirken.

Am 9. Oktober listeten Paul Bremer und Präsident Bush die materiellen Fortschritte beim Wiederaufbau des Irak auf. Aber was die Iraker vor allem wollen, ist weniger materiell als politisch: Sie wollen ihr Land selbst regieren! Natürlich hätten sie auch gern Elektrizität.

Um Sicherheit schaffen zu können, bedarf es einer politischen Lösung. Ein von Paul Bremer und dem Pentagon ernannter und kontrollierter Regierungsrat ist keine.

Die Türken ins Land zu holen, untergräbt die ohnehin geringe Glaubwürdigkeit des Regierungsrates weiter. Die Türkei beherrschte den Irak von 1534 bis 1916.

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