Ausgabe Januar 2004

Es gibt nur eine Antwort auf den hessischen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann aus Neuhof. Die lautet: Treten Sie zurück -- Erklärung des Jüdischen Kulturvereins Berlin vom 5. November 2003 (Wortlaut)

In der skandalösen Gesamtrede Hohmanns zum Tag der Deutschen Einheit lasen wir mit wachsendem Entsetzen, wie ein von Wählerinnen und Wählern bestimmter Bundestagsabgeordneter fast in der Sprache des Dritten Reichs seine Ansichten zum Besten gibt, die unübersehbar antijüdisch und xenophobisch sind, und dass dieser Mann in plumper Anbiederung an dumpfe Gefühle Sozialhilfeempfänger und Ausländer in Deutschland zu diffamieren sucht. Er wähnt sich auf der noch immer plätschernden Welle des Kalten Krieges sicher, denn Hohmanns empörende nationaldeutsche Logik nennt Juden Kommunisten und Kommunisten Juden, die einem "Phänomen Hitler" gleichwertig seien. Es verbietet sich, seinen Schund zu wiederholen. Gesagt werden muss dennoch, dass Hohmanns Versuch, europäische Geschichte auf seine Weise zu stutzen, zu banalisieren, zu entstellen, und sich dabei einzelner Argumente aus dem anti-sowjetischen Wortschatz der 20er Jahre zu bedienen, nicht erst heute auch bei Antisemiten z.B. in Russland und der Ukraine zum gängigen Repertoire gehört. Er listet in eben dieser Manier den Anteil der Juden an revolutionären Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg in Russland, Ungarn und Deutschland außerhalb jedes sozialhistorischen Zusammenhangs numerisch und namentlich auf, spart Ursachen und Folgen aus, und versteigt sich zur Schlussfolgerung: Die Gottlosen sind stets die Täter, womit er jüdische Kommunisten und Nazis meint und eine religiöse deutsche Einheit fordert. Bisherige Entgleisungen bundesdeutscher Politiker übertrifft er damit bei weitem.

Wer im Jahr 2003 auf diesem Niveau in deutlicher Selbstgewissheit an die Öffentlichkeit tritt, muss mit einer ebenso unmissverständlichen Reaktion aller demokratischen Kräfte rechnen. Wir, der Jüdische Kulturverein Berlin e.V., sind weder bereit, die Wortmeldung als "Irrtum" hinzunehmen und noch weniger wollen wir akzeptieren, dass ein solcher Abgeordneter im Bundestag über innen- und außenpolitische Themen abstimmen kann. Treten Sie also zurück, Herr Hohmann!

Für den Vorstand

Dr. Irene Runge, Ralf Bachmann

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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