Ausgabe März 2005

Opferperspektive? Fehlanzeige

Lange hat es gedauert, bis Rot-Grün ein Gesetz auf den Weg gebracht hat, das die durch Brüssel angeordnete Umsetzung von EU-Antidiskriminierungsrichtlinien in deutsches Recht regelt. Doch kaum lag der Gesetzesentwurf vor, war die allseitige Aufregung groß. "Frankfurter Allgemeine" und "Süddeutsche Zeitung" sahen geschlossen die "Kulturrevolution" vor der Tür, hinter welcher "Homoehe und Hartz IV" gleichermaßen "verblassen"1, und der neu gewählte CDU-Generalsekretär Volker Kauder entblödete sich nicht zu behaupten, was den Nazis "die richtige Rasse" und der DDR die "richtige Klasse" sei für Rot-Grün mit Hilfe des neuen Gesetzes die "korrekte politische Einstellung".

Angesichts einer derartigen Hysterie stellt sich die Frage, worüber man sich eigentlich derart aufregt?

Etwa darüber, dass die Regierungskoalition bei der Implementierung der europäischen Vorgaben dermaßen in Verzug geriet, dass Deutschland nun zusammen mit Italien und Zypern EULetzter ist? Immerhin war die Umsetzungsfrist der "Antirassismus-Richtlinie 2000/43/EG" bereits im Juli 2003 abgelaufen, so dass die EU-Kommission zwischenzeitlich bereits ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet hatte.

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo