Washingtons sicherheitspolitisches Establishment wirkt gegenwärtig beunruhigend realitätsfremd, abgehoben von der wirklichen Lage im Mittleren Osten und Zentralasien, aber auch andernorts bestehenden Gefahren. Amerikas Bodentruppen sind fast komplett mit den genannten Kriegsschauplätzen beschäftigt. Die Army, ihre Reserveverbände und die Marineinfanterie werden über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus strapaziert, und ihre Moral sinkt. Die Freiwilligenarmee findet nicht die Rekruten, die sie braucht. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht erscheint politisch undenkbar, und doch könnte sie sich schließlich als die einzige Alternative zum militärischen Fiasko erweisen. In einer solchen Situation zerbricht sich das Pentagon – außerstande, die erforderlichen Mengen an Panzerung für seine Truppen und Fahrzeuge zu beschaffen – den Kopf über neue Atomwaffen und Weltraumkriege. Es möchte riesige Summen zusätzlich für Projekte ausgeben, die für die gegenwärtigen Realitäten völlig irrelevant sind. Pentagon und Energiebehörde verlangen neue, "praktikablere" Atomwaffen, darunter tief in die Erde eindringende "Bunkerknacker". Ob die Entwicklung neuer Atomwaffen wirklich nötig ist, lässt sich entschieden bezweifeln. Die politischen Kosten wären jedenfalls enorm.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.