Ausgabe März 2006

Die Wahrheit der Fiktion

„Wer das Genrekino nicht für das Maß aller Dinge hält, wird niemals begreifen, warum man sich all diese Probleme bereiten kann, die aus München zugleich einen konsumierbaren Thriller und ein befremdliches Rätsel machen,“ schreibt die FR, aber wer das Dilemma von Steven Spielbergs Film so formuliert, der stellt schon nicht mehr die Frage, ob die Darstellung der Ereignisse von München 1972 „stimmt“, oder auf welcher Seite der Film steht. Die provokativ gewollte Unparteilichkeit führt zu erheblichen Konstruktionsmängeln: Auf eine fast schon infantile Weise wird dem wohl effektivsten Geheimdienst der Welt, dem Mossad, unterstellt, er betraue ein Team von harmlosen Amateuren mit der Aufgabe, die Opfer des Anschlags zu rächen. Dies orientiert sich nicht mehr an der Realität, sondern an Konventionen von Katastrophenfilmen, in denen unsere Welt stets von einer Gruppe skurriler Gestalten gerettet wird, deren Stärke – so die romantische Unterstellung von Filmen wie Independence Day – eben ihre Unprofessionalität ist.

Der wirklichen Welt der Politik, die als Reaktion anscheinend nur noch Zynismus zulässt, wird eine neue (alte) Unmittelbarkeit, eine neue (traditionsreiche) Unschuld entgegengesetzt, die allein imstande ist, angesichts von Gewaltbereitschaft und Korruption noch einen humanistischen Standpunkt zu finden, und sei es um den Preis eines weltfernen Gutmenschentums.

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Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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