Ausgabe Januar 2009

TV-Erziehung à la carte

Natascha und ihre kleine Tochter hocken auf dem Wohnzimmerboden eines backsteinernen Reihenhäuschens im nordenglischen Rotherham. Mit den Fingern picken sie fettige Kebabstückchen aus Styroporschachteln. Die holt Natascha vom Takeaway-Shop, Tag für Tag. Das verschlingt ihre kärglichen Sozialhilfebezüge. Takeaway-Shops gibt es viele hier, Arbeit und Perspektiven hingegen sind rar, seit der große Streik gegen Thatchers Zechenschließungen 1985 verloren ging.

Natascha hat Sorgen, Schulden und einen riesigen Fernseher. Und sie hat nie kochen gelernt. Doch ein Entwicklungshelfer naht. Der Londoner TV-Koch Jamie Oliver rauscht mit seinem Landrover vorbei an Industrieschloten, die längst nicht mehr qualmen. Er will der jungen Mutter zeigen, wie man Spaghetti mit Fleischklößchen kocht. Das wird ihr Leben verändern, verspricht der Multimillionär.

Zuletzt hatte der bereits zur Popstar-Ikone avancierte Koch mit einer Kampagne für gesundes Schulessen für Furore gesorgt – nun diskutierte Großbritannien über seine neue Reality-TV-Serie „Jamie’s Ministry of Food“. Ganz unverhohlen will der Name des Vierteilers an das ursprüngliche „Ministry of Food“ erinnern, das den Menschen während der Jahre des Mangels im Zweiten Weltkrieg erklärte, wie man Suppen aus Gemüseschalen kredenzt.

Sie haben etwa 32% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 68% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo