Ausgabe Juni 2021

Kurzgefasst

Vidya Krishnan: Apokalypse mit Ansage. Corona und das moralische Versagen der indischen Gesellschaft, S. 51-55

In den vergangenen Wochen hat Indien nahezu täglich den traurigen Rekord neuer Covid-19-Fälle gebrochen. Die humanitäre Krise hat vor allem die hindu-nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi zu verantworten, so die Journalistin Vidya Krishnan. Dass es aber überhaupt so weit kommen konnte, ist auf das kollektive moralische Versagen der indischen Gesellschaft zurückzuführen – insbesondere auf das der oberen Kasten sowie der Ober- und Mittelklasse.

Achim Engelberg: Die »Boten des Unglücks«. Flucht und Migration im planetarischen Zeitalter, S. 57-63

„Flüchtlinge als Boten des Unglücks“ – dieser von Bertolt Brecht geprägte Ausdruck beschreibt den Zustand der Welt heute treffender denn je, ist der Historiker Achim Engelberg überzeugt. Denn Geflüchtete zeigen die planetarischen Konflikte unserer Epoche auf – von pandemischer Armut und globaler Ungleichheit über ausufernde Kriege bis hin zur Klimakatastrophe. Wie aber kann eine Politik aussehen, die diesem millionenfachen Leid und Elend wirksam Abhilfe schafft?

Adam Tooze: Bidenomics: Klimawende mit angezogener Handbremse, S. 65-73

Unter Joe Biden streben die USA eine Vorreiterrolle im Klimaschutz an. Aber selbst mit den angekündigten Milliardeninvestitionen im Inland unternimmt Washington weniger als möglich wäre, so der Ökonom Adam Tooze. Nicht zuletzt die massive politische Polarisierung droht den ökologisch gebotenen Wandel auszubremsen.

Birgit Mahnkopf: Nebelkerze Green New Deal. Die leeren Versprechungen eines »grünen Kapitalismus«, S. 75-84

Spätestens zur Jahrhundertmitte will die EU mit ihrem Green Deal klimaneutral werden. Doch ihr Versprechen gleicht eher einer Beruhigungspille denn einem wirklichen Politikwechsel, warnt die Politikwissenschaftlerin Birgit Mahnkopf. Bei genauerer Betrachtung zeige sich: Die geplanten Maßnahmen zur Dekarbonisierung und Digitalisierung dienten letztlich vor allem der Begrünung jenes Industriekapitalismus, der die ökologische Krise überhaupt erst hervorgebracht hat.

Benjamin Ewert: Grüne Sozialpolitik: Teilhabe statt Paternalismus, S. 85-92

Eine grüne Regierungsbeteiligung, ja sogar eine Kanzlerschaft von Spitzenkandidatin Annalena Baerbock rücken angesichts des aktuellen Höhenflugsder Grünen in greifbare Nähe. Doch wofür steht die Partei jenseits ihrer ökologischen Kernthemen? Der Sozialwissenschaftler Benjamin Ewert analysiert deren sozialpolitische Agenda und kommt zu dem Schluss: Noch sei nicht ausgemacht, ob deren teilhabeorientierte Sozialpolitik die Interessen sozial Schwacher effektiv vertreten könne.

Robert Krieg: Gemeinwohl oder Markt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk am Scheideweg, S. 93-102

Der marktliberale Geist macht auch vor dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht halt, und allzu oft entscheiden Quoten über die Ausrichtung des Programms. Die Folge: Leicht konsumierbare, gar banale Inhalte, ersetzen zunehmend relevante Debatten und anspruchsvolle Analysen, kritisiert der Soziologe und Mitglied im WDR-Rundfunkrat, Robert Krieg. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk stehe an einem Scheideweg – und sollte dabei seine demokratiepolitische Verantwortung nicht aus den Augen verlieren.

Christian Füller: Noch immer unaufgeklärt: Sexualisierte Gewalt in sozialen Bewegungen, S. 103-112

Seit vor elf Jahren am katholischen Canisius-Kolleg und der reformpädagogischen Odenwaldschule systematische sexualisierte Gewalttaten an Minderjährigen aufgedeckt wurden, fordert die Öffentlichkeit eine Aufarbeitung der Verbrechen. Doch während es in diversen Bistümern der katholischen Kirche mittlerweile detaillierte Einzelstudien gibt, kratzt die Aufklärung auf Seiten des Staates und sozialer Bewegungen nur an der Oberfläche, konstatiert der Journalist Christian Füller und fordert: Die Post-68er-Bewegung muss sich endlich ihrer Vergangenheit stellen.

Ronny Blaschke: Fußball als Herrschaftsinstrument. Die EM als Spielfeld für Autokraten und Nationalisten, S. 113-120

Trotz Coronapandemie beginnt Mitte Juni die 16. Fußball-EM der Männer. Der stets von Korruption und Skandalen geplagte, aber hochpopuläre Sport wird von den Veranstaltern als Symbol für Frieden, Menschenrechte, Pluralität und Völkerverständigung beworben. In scharfem Kontrast zu dieser offiziellen Darstellung legt der Sportjournalist Ronny Blaschke die tiefen Verstrickungen von Fußball und nationalistischer Politik offen.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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