Ausgabe Juni 2024

Kurzgefasst

Albrecht von Lucke: »Go west«, trotz alledem. Das unvollendete Projekt des Jürgen Habermas, S. 51-58

Am 18. Juni begeht „Blätter“-Mitherausgeber Jürgen Habermas seinen 95. Geburtstag, doch sein universalistisches, auf Kommunikation und Verständigung ausgerichtetes Projekt ist gefährdeter denn je. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke verortet das Habermassche Projekt der Moderne im Kontext der Nachkriegsgeschichte und fordert, an dessen Vision einer dauerhaften Entfeindung festzuhalten, auch wenn der russische Eroberungskrieg in der Ukraine derzeit nur militärisch gestoppt werden kann.

Seyla Benhabib: Für einen interaktiven Universalismus. Kosmopolitismus und die postkoloniale Kritik, S. 59-68

Das Ideal einer normenbasierten internationalen Ordnung und die universellen Menschenrechte stehen unter Beschuss. Die Philosophin und „Blätter“-Mitherausgeberin Seyla Benhabib setzt dagegen auf einen erneuerten Kosmopolitismus. Dieser müsse an die schon erreichten Fortschritte des Völkerrechts anknüpfen und die postkoloniale bzw. dekoloniale Kritik aufnehmen. Gleichzeitig warnt sie vor einer Hermeneutik des Misstrauens, die nicht deutlich macht, welche Zukunftsideale zu verteidigen sind.

Markus Linden: Der Aufstieg der Mosaik-Rechten. Negative Öffentlichkeit und die prekäre Zukunft der Demokratie, S. 69-80

Die Neue Rechte setzt auf eine Mischung aus Provokation und Selbstverharmlosung. Dabei argumentiert sie gleichzeitig mit liberal-demokratischen Werten und brandmarkt liberale Eliten. Ihre Strategie, kulturelle Hegemonie mit Hilfe negativer Gegenöffentlichkeiten zu erlangen, droht aufzugehen, analysiert der Politikwissenschaftler Markus Linden. Nur ein Konzept der positiven Öffentlichkeit könne dem entgegenwirken.

Claudius Voigt: Rechtspopulismus als Mainstream. Die Bezahlkarte für Geflüchtete und der autoritäre Sozialstaat, S. 81-86

Die Bezahlkarte für Geflüchtete kommt. Der Referent für Flüchtlingsberatung Claudius Voigt sieht in ihrer Einführung ein weiteres Beispiel für den fortschreitenden national-autoritären Umbau des Sozialstaats, getragen von einer breiten Koalition. Dabei gehe es letztlich darum, die Menschenwürde unter Nationalvorbehalt zu stellen. Demgegenüber gelte es, den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung entschieden zu verteidigen.

Paul Schäfer: Jenseits von Nationalpazifismus und Militarismus. Plädoyer für eine wirksame Friedenspolitik nach der Zeitenwende, S. 87-97

Der russische Angriff auf die Ukraine stellt die Friedensbewegung vor große Herausforderungen. Wer in dieser Lage friedenspolitisch etwas bewirken will, betont der Soziologe und Linken-Politiker Paul Schäfer, muss die Anliegen der Opfer des Angriffskriegs ernstnehmen. Es bedürfe der Einsicht, dass Frieden nur mit einer aktiven europäischen Verteidigungspolitik zu erreichen ist, ohne gleichzeitig einer Militärfixierung zu verfallen.

Dokumentiert: Dmitri Medwedew: Russlands historische Mission, S. 99-106

Anlässlich des 80. Jahrestags des Sieges über Nazi-Deutschland veröffentlichte der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew einen Text, der nicht nur die Geschichtsauffassung seiner Partei „Einiges Russland“ deutlich macht, sondern auch die russischen Kriegsziele. So wie London und Washington einst den Nationalsozialismus gefördert hätten, stützten sie nun die angeblichen Neonazis in der Ukraine. Der Sturz der Regierung in Kiew sei daher nur der erste Schritt für die Neuordnung der Welt.

Ulrich Brand und Markus Wissen: Klima, Krise, Krieg. Wie öko-imperiale Spannungen die internationale Politik prägen, S. 107-116

Den Mächtigen fehlt es nicht an Wissen über die Klimakrise. Vielmehr erklärt sich deren Untätigkeit aus dem unüberbrückbaren Widerspruch zwischen imperialer Lebensweise und planetaren Grenzen, so „Blätter“-Mitherausgeber Ulrich Brand und sein Kollege Markus Wissen. Je näher der Kapitalismus an sein Limit gerate, desto deutlicher äußere sich dies in neuen, öko-imperialen Spannungen. Diese manifestierten sich immer wieder in offenen politischen Konflikten bis hin zum Krieg.

Marc Thörner: Megacity Neom: Saudi-Arabiens archaischer Futurismus, S. 117-124

Mit dem Megaprojekt „Neom“ will sich das Königreich Saudi-Arabien als klimafreundliches und futuristisches Vorzeigeland präsentieren. Doch hinter der fortschrittlichen Fassade verbirgt sich ein rücksichtsloses Regime, konstatiert der Islamwissenschaftler und Journalist Marc Thörner. Er zeigt auf, wie brutal Kronprinz Mohammed Bin Salman Gegner zum Schweigen bringt, während deutsche Unternehmen und die Bundesregierung unvermindert mit dem Land kooperieren.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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