Ausgabe Januar 1992

Amerika - Bilder und Spiegelbilder

Terra incognita Oder: Mit dem Westen über den Westen hinausdenken

Antiamerikanismus hat mit der wirklichen amerikanischen Gesellschaft nichts zu tun. Das antiamerikanische Urteil basiert vielmehr auf dem Gerücht über Amerika. Die zentrale These, die im Folgenden deshalb auch vertreten wird, ist die, daß der Antiamerikanismus Folge einer kollektiven Ich-Schwäche ist. Die antiamerikanische Haltung dient vor allem dazu, bei der Suche nach der eigenen deutschen Identität zu helfen.

Die permanente Beschäftigung mit sich selbst hat also zur Voraussetzung, daß noch keine Identität ausgebildet ist. Es wäre auch ein Irrtum zu glauben, daß das neue Deutschland nach der Vereinigung eine solche Identität gefunden hätte. Die Tatsache, daß mittlerweile nicht nur antiamerikanische Ressentiments, sondern auch antiwestliche Haltungen insbesondere in intellektuellen Kreisen en vogue sind, läßt vielmehr vermuten, daß die Zeitreise der Deutschen nicht beendet ist, sondern vielleicht ewiger Anfang bleiben könnte.

In einer Art kurzer Phänomenologie wollen wir den Metamorphosen des Antiamerikanismus nachgehen. Dabei wird deutlich, daß das antiamerikanische Ressentiment keineswegs die Wiederkehr des Immergleichen bedeutet. Vielmehr kommt dem Antiamerikanismus zu verschiedenen Zeiten verschiedene Funktion zu. Erst sehr spät erlebt dann der Antiamerikanismus seine jüngste Wandlung: das Unvermögen, den Westen zu verstehen.

Januar 1992

Sie haben etwa 38% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 62% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo