Ausgabe März 2004

Gleichgewichtsstörungen

Kürzlich schrieb ein "stern"-Redakteur, die Politik benötige ein "neues 68er-Gefühl". Allerdings wurde nicht recht klar, was er damit meint: Etwa nur den berühmten "Ruck" oder das in allen großen Parteien herbei geträumte neue "Wir-Gefühl"? Und dann kam jüngst auch ein Film in die Kinos, der explizit die "Bewegung" von 1968 zum Thema hat. Erleben wir da tatsächlich eine Renaissance der vielgescholtenen Jugendrevolte oder nur das Comeback eines noch immer vorhandenen schlechten Gewissens – angesichts der Karrieren, die die Revoluzzer von damals und Außenminister von heute gemacht haben?

Mit einer Erneuerung des Kinos fing es damals an. Das holt auch Bernardo Bertoluccis Film "Träumer" (der französische Titel trifft es besser: "Innocents", Unschuldige) ins Gedächtnis zurück: Wir sehen die protestierenden Cinéasten und zukünftigen Filmemacher der nouvelle vague, wie sie am Eingang des Palais Chaillot in Paris gegen die Entlassung von Henri Langlois protestieren, des Leiters der cinémathèque française, in deren Vorführraum viele von ihnen eine Kinosozialisation an Stelle einer familiären erfahren hatten. André Malraux, der damalige Kulturminister, musste schließlich nachgeben; das sollte der einzige konkrete Sieg des Mai ‘68 bleiben.

Jean-Luc Godard machte damals den einzigen Film, der die Revolte direkt thematisierte, und Bertolucci kopiert dessen Plot.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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