Ausgabe Oktober 2004

Der (all)tägliche Skandal

Die "Bild" am 10. September, die Großbuchstaben schreien es in die Welt hinaus: "Sado-Maso Folter im TV. Tränen, Blut, Schreie". Sollte das Boulevardblatt neue Bilder aus dem Irak gefunden haben? Nein, es ging um die Sendung Big Brother vom Abend desselben Tages, die das "letzte Tabu" brechen würde. Also eingeschaltet, denn wir wollen natürlich wissen, warum sich "dieses Mädchen vor der TV-Kamera quälen lässt". Die Einschaltquoten dürften steil nach oben gegangen sein.

Die Antwort ist ziemlich einfach: Daniela, eine der Insassinnen von Big Brother 5, hatte sich ein Piercing gewünscht und erhalten. Und diesmal war die dreiste Lüge schon sprachlich offensichtlich. Denn "Folter" ist eine demütigende Gewaltanwendung, nicht selten mit Todesfolge. Ein Piercing aber ist, auch wenn es weh tut, ein freiwilliger Akt, über dessen Motive man spekulieren kann. "Bild" hat das Wort wahrscheinlich gewählt, weil es durch die US-Folterungen in Abu Ghraib aktuell ist, und der Artikel ist damit auch eine Verhöhnung dieser und aller Folteropfer.

Wir (und die meisten "Bild"-Leser) wissen, dass diese Zeitung lügt, verdreht, verhöhnt, in jeder Nummer Regeln des fairen Journalismus bricht. Und doch ist sie das wohl einflussreichste Presseorgan hierzulande.

Sie haben etwa 27% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 73% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo