Ausgabe März 2006

Die Wahrheit der Fiktion

„Wer das Genrekino nicht für das Maß aller Dinge hält, wird niemals begreifen, warum man sich all diese Probleme bereiten kann, die aus München zugleich einen konsumierbaren Thriller und ein befremdliches Rätsel machen,“ schreibt die FR, aber wer das Dilemma von Steven Spielbergs Film so formuliert, der stellt schon nicht mehr die Frage, ob die Darstellung der Ereignisse von München 1972 „stimmt“, oder auf welcher Seite der Film steht. Die provokativ gewollte Unparteilichkeit führt zu erheblichen Konstruktionsmängeln: Auf eine fast schon infantile Weise wird dem wohl effektivsten Geheimdienst der Welt, dem Mossad, unterstellt, er betraue ein Team von harmlosen Amateuren mit der Aufgabe, die Opfer des Anschlags zu rächen. Dies orientiert sich nicht mehr an der Realität, sondern an Konventionen von Katastrophenfilmen, in denen unsere Welt stets von einer Gruppe skurriler Gestalten gerettet wird, deren Stärke – so die romantische Unterstellung von Filmen wie Independence Day – eben ihre Unprofessionalität ist.

Der wirklichen Welt der Politik, die als Reaktion anscheinend nur noch Zynismus zulässt, wird eine neue (alte) Unmittelbarkeit, eine neue (traditionsreiche) Unschuld entgegengesetzt, die allein imstande ist, angesichts von Gewaltbereitschaft und Korruption noch einen humanistischen Standpunkt zu finden, und sei es um den Preis eines weltfernen Gutmenschentums.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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