Ausgabe September 1990

Wozu heute noch von Sozialismus reden?

Vom „Sieg des Kapitalismus", „Tod des Sozialismus", vom „Ende der Geschichte" ist gegenwärtig viel die Rede. Und doch wird niemand ernsthaft behaupten wollen, wir lebten nun auf einmal in der besten aller Welten. Der Blick aus dem Fenster genügt, das Gegenteil zu lehren. Krisen, Katastrophen und Fehlentwicklungen summieren sich, die durch den Kollaps des „Realsozialismus" weder verschwunden, noch behoben sind. Das Projekt der Moderne, dem Kapitalismus und Sozialismus auf ihre Art verpflichtet sind, ist unvollendet. Die Konjunkturformel von der „Postmoderne" vermag darüber nicht hinwegzutrösten. So nützen weder Siegesfanfaren noch Trauergesänge. Die osteuropäische Krise mit den Defiziten der Ersten und der Dritten Welt zusammengenommen bietet jedoch die Chance - und gebietet den Mut -, einen unverstellten Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit dieser Einen Welt zu werfen.

Mit den folgenden Beiträgen von Eckart Spoo (Hannover) und Lutz Marz (Berlin/DDR) beginnen wir eine Debatte über die anstehenden gesellschaftlich- politischen Neuvermessungen jenseits des „Systemgegensatzes". Angestoßen durch die Erfahrungen des Revolutionsjahres 1989 wollen wir an jene Debatte anknüpfen, die Ende 1988 mit den vielbeachteten Beiträgen von Peter Glotz und Juri Krassin begann („Die neuen Wirklichkeiten und die Linke").

September 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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