Ausgabe Januar 1992

Amerika - Bilder und Spiegelbilder

Kartoffeln, Tomaten und ein Held. Kolumbusfeiern in den USA

Unfreiwillige Symbolik, Oktober 1991: Ausgerechnet im „Saal der Indianerverträge" im Old Executive Office neben dem in jeder Hinsicht Weißen Haus eröffnete Präsident George Bush die offiziellen Feierlichkeiten zum Kolumbus-Jubeljahr. Er dürfte die Ironie des Ereignisses in gerade diesem Raum nicht verstanden haben.

Angesichts der zunehmenden Angriffe auf den Mythos Kolumbus nehmen der Präsident, Politiker, staatstragende Akademiker und Publizisten den 500. Jahrestag der „Entdeckung" der „Neuen Welt" sehr ernst. Christoph Kolumbus ist in der offiziellen US-Geschichtsinterpretation der 90er Jahre ein Vorbild im Sinne von Ronald Reagan und George Bush: Er habe bewiesen, daß jedermann es durch Eigeninitiative und Risikobereitschaft zu etwas bringen könne. Es geht bei den staatlichen Feiern aber auch um die Erhaltung des Geschichtsbildes von der Entdeckung Amerikas, der tapferen Expansion nach Westen und der Fortschrittsverbreitung durch die europäischen, d.h. weißen Abenteurer und Siedler. Auf dieses Geschichtsbild gründet sich das Selbstverständnis Amerikas, daher kommt das US-amerikanische Sendungsbewußtsein, die Ideologie, daß die USA das gottgebende Recht und sogar die Pflicht hätten, Freiheit und Demokratie und seit neuestem auch die freie Marktwirtschaft in der ganzen Welt zu verbreiten.

Januar 1992

Sie haben etwa 35% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 65% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo