Ausgabe Februar 1992

Normalität als Utopie

Immer weniger habe sie, sagt die Kinderärztin, mit wirklichen physischen Kinderkrankheiten zu tun: Drogensucht, Liebeskummer, Elternhaß, Lebensmüdigkeit seien die heute immer häufiger auftretenden Beschwerden ihrer Patienten. Und der Lehrer Dr. Specht dürfte bald einsehen, daß auch sein Problem, den Dichter Goethe, den er durch einen unkonventionellen Einstieg („er hat gesoffen") „von seinem Sockel geholt hat", wieder auf denselben „raufzukriegen", nur ein marginales ist. Dem Gesetz der Serie folgend, wird seine Berufsfunktion, obwohl sie die dramaturgische Struktur bestimmt, kaum als normale Arbeit gezeigt: wetten, daß wir nicht mehr sehen werden, wie das mit dem Goethe weiterging!

Denn längst wird, in der alltäglichen Fernseh-Fiktion, ernstgenommen, was wirkliche Pfarrer, Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, Psychologen, Jugendämter etc. längst erkannt haben: daß ihre normale berufliche Tätigkeit, die darauf angelegt ist, Pannen in einer im Grunde auf Selbstheilung angelegten Gesellschaft in Ordnung zu bringen, längst zur Sisyphos-Strampelei geworden ist. Immer mehr Krankheiten sind nur noch Symptome, deren Ursachen gegen Medikamente immun sind, Sozialarbeiter finden für ihre Umpflanztätigkeit keinen Humus mehr. Den kulturellen Reparaturbrigaden sind die Schaltpläne abhanden gekommen, Rat und Tat sind geschiedene Leute.

Februar 1992

Sie haben etwa 57% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 43% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo