Ausgabe Juni 1992

Schuld des Westens

Die Entspannungspolitik und ihre Verfechter werden neuerdings, in der merkwürdigen Verfremdung eines Rückspiels out of time, wieder ähnlich scharf bekämpft wie vor und während der Durchsetzung dieser Politik. Dabei ergeben sich verblüffende Konstellationen: Die CDU sieht sich unverhofft unterstützt, z. T. gar schon von rechts kritisiert, seitens (ex-)linker Intellektueller; Sozialdemokraten, Kirchenleuten, den Verfechtern der Entspannung wird heute vorgeworfen, was Intellektuelle, kritische Köpfe seinerzeit an ihre Seite zog: der Bruch mit den „Werten" des „totalitären Antikommunismus" (Gaus), die Kalten Krieg und „CDU- Staat" dominiert hatten und 1970, angesichts der Neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition, in Slogans wie „Scheel und Brandt an die Wand!" kulminierten. - Der Eifer, mit dem heute manche rückwirkend über die damals eingeleitete Politik herfallen, wirkt insofern wenig originell.

Dabei hat jene „moralische" Ostpolitik, die kompromißlose Konfrontation mit den Kommunisten, die heute post festum hochgemut eingefordert wird, ihre Bewährung in der Praxis längst hinter sich. Ihr Scheitern war schließlich, in den 60er Jahren, gerade der Ausgangspunkt der Entspannung.

Juni 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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