Ausgabe Mai 1995

Nahöstlicher Dialog der Kulturen

In Jerusalem kann man gleich um die Ecke vom levantinischen Orient in den europäischen Okzident - und umgekehrt - gelangen. Es ist bestimmt nicht der einzige Ort, an dem kulturgeschichtlich heteronome Lebenswelten derart eng beieinander liegen - Macao, New York, das Algier der auslaufenden französischen Kolonialzeit oder das Shanghai der 20er Jahre mögen einem als vergleichbare Städte einfallen. Dennoch bietet dieses Fleckchen Erde, auf dem drei monotheistische Religionen um die Nähe zum Himmel wetteifern und politische wie kulturelle Gegensätze sich gegenseitig hochschaukeln, wie kaum ein anderer Beobachtungspunkt die Möglichkeit, das Problem der Identitätsbildung vor dem Hintergrund derart unterschiedlicher Wirklichkeiten zu betrachten.

Nach israelischem Recht besitzt Jerusalem den Status der Landeshauptstadt, ohne daß dies völkerrechtlich anerkannt wäre. Zudem soll es die Hauptstadt eines zukünftigen Staates werden - Palästinas. Verwaltet wird Jerusalem wie eine moderne westeuropäische Kapitale. Zusammengesetzt ist es aber nach dem Muster arabischer Städte - als Vernetzung von Milieus, die, weil sie der Erhaltung traditionaler Solidargemeinschaften dienen, ganz auf sich und nicht auf den öffentlichen Raum bezogen sind. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt für die Orientierung auf dem Stadtplan gerade gut genug.

Mai 1995

Sie haben etwa 63% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 37% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo