Ausgabe November 1998

68er an der Macht

Glanz und Elend einer politischen Generation

Der ehemalige Marxist und Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder ist Bundeskanzler. „Sieg der Achtundsechziger“, titelt die „Welt“. Und Rezzo Schlauch, seit Joschka Fischers Konversion zum mageren Marathonmann Sinnbild des lebemännischen 68ers, jubiliert: „Wir waren doch eine unheimlich politische Generation. Es wäre doch ein Treppenwitz gewesen, wenn wir übergangen worden wären.“ Der Marsch durch die Institutionen scheint nach dreißigjähriger Odyssee doch noch von Erfolg gekrönt zu sein. Die 68er-Generation als Siegerin der Geschichte. Oder sollte sich das, was heute als Triumph erscheint, als Pyrrhussieg erweisen?

1988 oder Die gute 68er-Generation und der Wertewandel

Schon einmal, zum 20jährigen Jubiläum der Revolte, schien der Sieg dieser Generation so gut wie ausgemacht. Unbemerkt von vielen 68ern hatte sich in den 80ern das Jahr 1968 vom Ruch der radikalen Revolte befreit und war zu einem positiv konnotierten Markenzeichen geworden, was Klaus Hartung zu der Feststellung veranlaßte: „Alle lieben ’68“.

1988 stand ’68 für den Beginn von Emanzipation und Demokratisierung – nach den damals gängigen Codierungen gleichbedeutend mit „Fortschrittlichkeit“.

November 1998

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social-Media- kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo