Ausgabe März 2005

Opferperspektive? Fehlanzeige

Lange hat es gedauert, bis Rot-Grün ein Gesetz auf den Weg gebracht hat, das die durch Brüssel angeordnete Umsetzung von EU-Antidiskriminierungsrichtlinien in deutsches Recht regelt. Doch kaum lag der Gesetzesentwurf vor, war die allseitige Aufregung groß. "Frankfurter Allgemeine" und "Süddeutsche Zeitung" sahen geschlossen die "Kulturrevolution" vor der Tür, hinter welcher "Homoehe und Hartz IV" gleichermaßen "verblassen"1, und der neu gewählte CDU-Generalsekretär Volker Kauder entblödete sich nicht zu behaupten, was den Nazis "die richtige Rasse" und der DDR die "richtige Klasse" sei für Rot-Grün mit Hilfe des neuen Gesetzes die "korrekte politische Einstellung".

Angesichts einer derartigen Hysterie stellt sich die Frage, worüber man sich eigentlich derart aufregt?

Etwa darüber, dass die Regierungskoalition bei der Implementierung der europäischen Vorgaben dermaßen in Verzug geriet, dass Deutschland nun zusammen mit Italien und Zypern EULetzter ist? Immerhin war die Umsetzungsfrist der "Antirassismus-Richtlinie 2000/43/EG" bereits im Juli 2003 abgelaufen, so dass die EU-Kommission zwischenzeitlich bereits ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet hatte.

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo