Ausgabe Juni 2006

Alltäglicher Zynismus

Dokumentarfilme sind wieder in: Michael Moore bekommt einen Oscar, seine Fil- me sind Blockbuster, und der Film seines Kollegen Morgan Spurlock Supersize me über Fastfood spielte nicht nur überraschend Millionen ein, sondern veranlasste die US- Filialen von McDonald’s, einige Produkte aus dem Angebot zu nehmen.

Einen ähnlichen Erfolg, zumindest in der Presse und Kritik, hat gegenwärtig der Film We feed the world des Österreichers Erwin Wagenhofer über die Folgen der landwirtschaftlichen Industrialisierung. In Wien wird jeden Tag soviel Brot vernichtet, wie die zweitgrößte Stadt Graz konsumiert – ein Kilo Weizen ist billiger als ein Kilo Kies. Tomaten werden in Spanien industriell angebaut und 3000 km weit transportiert, ehe sie auf den Markt kommen – die Transportkosten machen nur ein Prozent des Verkaufspreises aus.

Der Film zeigt die grotesken Beispiele in ruhigen Einstellungen; Statements von Jean Ziegler, dem UN-Sonderbeauftragten für das Menschenrecht auf Nahrung, stellen den globalen Zusammenhang her. Es kommen Beteiligte zu Wort, die reden, als seien sie schizophren: Der Top-Manager der weltgrößten Saatgut-Firma Pioneer ist gerade in Rumänien, um dort die herkömmliche Landwirtschaft, so sagt er, zu „versauen“. Er führt genmanipuliertes Saatgut ein, das die Pflanzen zwar gegen gewisse Schädlinge immun macht, aber auch nur einmal verwendet werden kann.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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