Ausgabe Dezember 2007

Deutsch-Polnische Empfindlichkeiten

Jeder Politiker weiß, es kommt nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch darauf, wie man es tut. In der Alltagspraxis jedoch geht diese Einsicht leicht verloren. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den gegenwärtigen Spannungen zwischen Deutschland und Polen – und in ihrer Geschichte.

Als der Kalte Krieg zu Ende ging, konnten Polen und Deutsche unbehindert ein neues Verhältnis zueinander begründen. Adam Michnik, moralische wie politische Autorität, sagte 1990 zu den Deutschen: „Ihr könnt alles machen, aber begegnet uns bitte nicht karitativ. Wenn das geschieht, kann es mit uns nichts werden“. Es wurde auch nichts, jedenfalls nichts mit der Harmonie und Gemeinsamkeit, die viele nach dem Verschwinden des Kommunismus erhofften. Bonn und dann Berlin taten zwar, was sie konnten, um Polen den Weg in die NATO und in die Europäische Union zu ebnen. Sie halfen nicht ganz ohne Eigennutz – Grenzland zum Osten wurden nun andere –, aber vor allem aus dem Gefühl einer historischen Verpflichtung. Unvermeidlich musste es die Hilfe eines Stärkeren für einen Schwächeren sein. Es geschah jedoch ohne ausreichende Rücksicht auf die Gefühlslage der Polen, die Hilfe brauchten, aber auch Anspruch darauf hatten, als die Nation, die sich als erste selbst vom Kommunismus befreit hatte. Die Deutschen halfen wie ein großer Bruder dem halb unmündigen kleinen – oder wie der Patron dem Klienten.

Die Polen waren dankbar, aber verletzt in ihrem Selbstgefühl.

Sie haben etwa 26% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 74% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo