Ausgabe Dezember 2015

Offenheit statt Abschließung

Ein Plädoyer für Europas großen Anspruch

Die eine Welt, die in den Eine-Welt-Läden auf naiv-kindliche Weise beschworen wurde: Nun gibt es sie wirklich. Die Flüchtlingsfrage, die nicht überraschend, in ihrer Wucht dann aber doch überwältigend auf die Tagesordnung gekommen ist, hat so gewaltige Dimensionen, dass sie mit dem herkömmlichen politischen Instrumentarium nicht zu bewältigen oder vorsichtiger: kaum anzugehen ist. Alles, was vertraut war und unabänderlich erschien, muss nun gewogen werden. Die aktuelle Lage erfordert, nun wirklich, einen Ruck – der Politik, viel mehr aber noch der Gesellschaft, der Bürger, der Wissenschaft, der Institutionen, der Kirchen und Denominationen (nicht nur der christlichen).

Um mit der Politik zu beginnen: Sie handelt deutschland- und europaweit ohne Kohärenz. Obwohl doch jeder weiß, dass das Flüchtlingsproblem nun wirklich ein globales ist, obsiegt im täglichen Kleinkampf doch immer wieder wie selbstverständlich die nationale Perspektive, ganz so, als sei ein Einzelstaat wie die Bundesrepublik Deutschland in der Lage, des Problems Herr zu werden. In der Selbstbezogenheit, mit der im Grunde alle Staaten der EU die neue Lage erörtern, wird schmerzhaft deutlich, dass Europa noch längst kein eigenständiger politischer Körper ist und noch nicht einmal von seinen Politikern so wahrgenommen wird.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.