Ausgabe März 2015

Die offenen Fenster von 1990

Die deutsche Einheit und die vertane Chance auf Frieden in Europa

Wenn in diesem Jahr der deutschen Einheit vor 25 Jahren gedacht wird, überwiegen ganz eindeutig die positiven Einschätzungen. Demnach handelte es sich insgesamt um einen überaus gelungenen Prozess, ja um eine „Sternstunde der Diplomatie“.[1] Entsprechend selten kommen folglich die den Entscheidungen innewohnenden Alternativen zur Sprache. Dabei sind diese derzeit von erstaunlicher Brisanz: Heute spüren wir, dass manches, was nach dem Umbruch von 1989 liegen blieb, zum Problem wird – und zwar zu einem Problem in und für ganz Europa.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, kehrte eine Frage auf die Agenda der Weltpolitik zurück, die für die Zukunft Europas von grundsätzlicher Bedeutung war: An der Grenze, die Deutschland teilte, war eine unerledigte Geschichte eingefroren, die sogenannte deutsche Frage – die Frage, ob und wie ein befriedetes, friedliches Europa ein großes, vereintes Deutschland verkraften könne, nachdem es zuvor den Kontinent zweimal in katastrophale Kriege gestürzt hatte. Dass die „deutsche Frage“ mit der europäischen zusammenfiel, war unvermeidlich. Dass sie sich als ein Aspekt des überall in Europa mit großer Sympathie begleiteten demokratischen Aufbruchs, des Strebens nach „Rückkehr nach Europa“ stellte, war ein glücklicher Umstand.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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