Ausgabe November 2016

»Wir sind das Volk«: Vom Freiheitsruf zur Hassparole

Es waren gruselige Bilder, die uns per TV von den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit des Jahres 2016 aus Dresden erreichten. „Besorgte Bürger“ brüllten gegen die Repräsentanten des demokratischen Deutschlands an: „Volksverräter“ und „Wir sind das Volk!“. Steht dieses „Wir-sind-das-Volk“ also inzwischen auch dafür, wie in Clausnitz, in Freital oder Bautzen die Würde oder gar die körperliche Unversehrtheit von Flüchtlingen verletzt werden?

Nein, das Gebrüll der Demonstranten ist eine feindliche Übernahme eines freiheitlichen Erbes, das heute aktueller ist denn je. Wir sind das Volk: Dieser Satz steht für die friedliche Revolution gegen das SED-Regime, für Freiheit und Toleranz, und für den Fall der Mauer am 9. November 1989, nach 40 Jahren deutscher Teilung.

Damals richtete sich der Satz gegen die Mächtigen an der Spitze des Staates und forderte grundlegende Dialoge ein, zur Abschaffung der Diktatur. Wo diese Freiheitsparole heute nachgebrüllt wird, da richtet sie sich gegen die Schwächsten, die Hilfsbedürftigen und Heimatlosen.

Derart gespenstischen Ansammlungen – ausgerechnet in Dresden – ist unmissverständlich zu erwidern: „Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid eine kleine, wenn auch gespenstische Minderheit! Und wenn ihr noch so laut brüllt.

Sie haben etwa 19% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 81% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Indonesien: Die Wut der Gen Z und ihr Kampf gegen die Eliten

von Markus Berg

Seit zwei Jahren ist Indonesiens Präsident Prabowo Subianto nun im Amt – der konservative Ex-General folgte im Oktober 2024 auf den beliebten einstigen Reformer Joko Widodo, kurz: Jokowi, der das Land zehn Jahre lang regiert hatte.

Führungsfetisch statt Bürgernähe

von Markus Linden

Der rasende Autoritäts- und Machtverlust, den die Union und der Bundeskanzler binnen nicht einmal zwei Jahren an der Regierung erlitten haben, erklärt sich nicht zuletzt durch Friedrich Merz’ Führungsstil. Merz setzt ganz auf cäsaristische Anweisung von oben.