Ausgabe August 1990

Margret Thatchers Expertenrunde über den deutschen Nationalcharakter.

Vertrauliches Memorandum über dien Seminar der britischen Regierungsspitze mit internationalen Deutschlandexperten in Chequers am 24. März 1990 (Wortlaut

In seiner Ausgabe vom 14. Juli 1990 berichtete das konservative britische Wochenmagazin „The Spectator" über ein Gespräch mit Margaret Thatchers Handelsminister Ridley, dessen drastische Warnungen vor deutschen Vorherrschaftsambitionen in Europa den Rücktritt des Ministers nach sich zogen. Deutschland plane, so Ridley mit Blick auf die Europäische Währungsunion, „ganz Europa zu übernehmen. Das muß durchkreuzt werden. Diese hektische Übernahme durch die Deutschen auf der denkbar schlimmsten Grundlage, wobei die Franzosen sich wie die Pudel der Deutschen aufführen, ist absolut unannehmbar". (S. 8, übs. d. Red.)

Am gleichen Wochenende gelangte der Wortlaut eines vertraulichen Memorandums an die Öffentlichkeit, das der Privatsekretär und außenpolitische Chefberater der Premierministerin, Charles Powell, zu Papier gebracht hatte. (Abgedruckt in „ The Independent on Sunday", London, 15. 7. 1990, S. 19) Wir dokumentieren nachstehend den authentischen Text des Memorandums in eigener Übersetzung. Powell faßt darin die Ergebnisse eines Seminars über den Umgang mit den — wieder zur Großmacht avancierenden — Deutschen zusammen (Tenor: „Seid - vorsichtshalber; d. Red. - nett zu den Deutschen"), zu dem Margaret Thatcher am 24. März d. J. Außenminister Hurd und international so renommierte Deutschland-Experten wie Gordon Craig und Fritz Stern (beide USA), Hugh Trevor-Roper, Norman Stone und Timothy Garton Ash in ihre Residenz Chequers eingeladen hatte. Die Aufzeichnung Powells macht - auch wenn einige der Experten nach ihrem Bekanntwerden den Tenor kritisierten - deutlich, daß die Warnungen von Handelsminister Ridley, einem engen Vertrauten der Regierungschefin, kaum als Privatmeinung eines Außenseiters abgetan werden können. D. Red.

Einleitung

Die Premierministerin sagte, Europa habe das Ende der Nachkriegsperiode erreicht. Wichtige Entscheidungen und Abwägungen, seine Zukunft betreffend, lägen vor uns. Sie selbst werde in den nächsten Wochen mehrere ausschlaggebende Begegnungen mit Präsident Bush, Präsident Gorbatschow und Kanzler Kohl haben. Ferner stehe ein außerordentliches Gipfeltreffen der EG bevor. Überall werde die deutsche Vereinigung das Hauptthema sein. Wir müßten zu einer Einschätzung darüber gelangen, wie ein vereintes Deutschland beschaffen sein werde. Man könne sich von der Geschichte leiten lassen, aber nicht einfach nur extrapolieren. Außerdem müßten wir einen Rahmen für Europas Zukunft entwerfen, der die Vereinigung Deutschlands und die weitreichenden Veränderungen in der Sowjetunion und Osteuropa berücksichtige. Sie werde die Weisheit und den Rat der Anwesenden zu schätzen wissen. [...]

 

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