Ausgabe Juni 1990

In eigener Sache

Die deutsch-deutsche Entwicklung hat es möglich, zugleich aber auch dringlich gemacht, die "Blätter" in Richtung DDR zu öffnen. Wir freuen uns, heute - als ein Signal dieser Öffnung - vier neue Herausgeberinnen und Herausgeber der "Blätter" begrüßen zu können:

Prof. Dr. Jens Georg Reich, geb. 1939 in Göttingen, Arzt, Molekularbiologe; Mitbegründer und bis Ende Januar 1990 Sprecher des "Neuen Forums" in der DDR, Mitglied der Volkskammer (Bündnis '90/Grüne), freier Essayist.

Dr. Irene Runge, geb. 1942 in New York, Publizistin, Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins in Berlin, Ethnologin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Friedrich Schorlemmer, geb. 1944 in Wittenberge (Altmark), Dozent am Evangelischen Predigerseminar in Lutherstadt Wittenberg, Pfarrer an der Schloßkirche zu Wittenberg, Mitbegründer des "Demokratischen Aufbruchs" (DA), heute Mitglied der DDR-SPD.

Prof. Dr. Rosemarie Will, geb. 1949, Humboldt-Universität zu Berlin, Sektion Rechtswissenschaft; Verfassungsexpertin am Runden Tisch. Gleichzeitig begrüßen wir aus der Bundesrepublik

Prof. Dr. Claus Leggewie, geb. 1950, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen, Publizist und Essayist, als neues Mitglied des Herausgeberkreises.

Im Herbst hoffen wir mit der Vergabe des Demokratie-Preises 1990 an die Demokratie-Bewegung der DDR, ein Jahr "danach", zur Schaffung von Voraussetzungen dafür beitragen zu können, daß die Erfahrungen der "enteigneten Revolution" in beiden deutschen Staaten und in den größeren Zusammenhängen, in die sie eingehen werden, nicht ersticken, sondern Langzeitwirkung zeigen. (Vgl. dazu auch die Information in Heft 5/1990 der "Blätter", Umschlagseite 4.) Der Vorstand des "Blätter"-Fördervereins, der Gesellschaft zur Förderung politisch-wissenschaftlicher Publizistik und demokratischer Initiativen e.V. (Vorsitzender: Karlheinz Koppe, Pax Christi), hat dem Vorhaben zugestimmt: Im Oktober 1990 soll der Demokratie-Preis - stellvertretend für die Demokratie-Bewegung des Herbstes 1989 in der DDR - an zwei führende Vertreter/innen dieser Bewegung vergeben werden. Zwischen allen Beteiligten besteht Konsens darüber, daß die 10 000,- DM, mit denen der Preis dotiert ist *), zur wissenschaftlich-publizistischen Aufarbeitung der Erfahrungen des zentralen und der örtlichen Runden Tische in der DDR verwendet werden sollten; diese Aufarbeitung könnte den Anstoß zu einer langfristig und systematisch angelegten Auseinandersetzung mit den Erfahrungszusammenhängen der DDR im Rahmen eines Fonds oder einer zu gründenden Stiftung in Berlin geben. Wir werden über den Fortgang der Konsultationen informieren. Bonn, im Mai 1990 Herausgeberkreis und Redaktion

*) Der Förderverein bittet um Spenden zur Finanzierung des Projekts auf das Spendenkonto: Bank für Gemeinwirtschaft Bonn, Konto-Nr. 1028171700

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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