Ausgabe Mai 1990

Otto von Kohl

1. Probleme der Arbeitsteilung

Die häufig zu hörende Behauptung, der gegenwärtige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sei ein Idiot, verbindet sich mit dem Vorurteil, ein erfolgreicher Politiker dürfe das eigentlich nicht sein, seine Fortüne werde dadurch gleichsam unanständig. Solches Reden ist das Resultat einer deformation professionelle seiner Kritiker, die in der Regel Intellektuelle oder Angehörige der parlamentarischen Opposition sind. Ganz gewiß versteht Helmut Kohl die Worte nicht sinnreich oder auch nur zierlich zu setzen. Dies aber ist das Gewerbe des Feuilletonisten, nicht des Politikers. Den gleichen Vorwurf könnte man wahrscheinlich auch der Mehrzahl der erfolgreichen Naturwissenschaftler und Techniker machen, welche jedoch von niemandem für dumm gehalten werden. Ein Turnlehrer nennt einen Feuilletonisten, der keinen Handstand kann, vielleicht einen Steifschächter, niemals aber einen Deppen. Diese Höflichkeit darf umgekehrt auch erwartet werden. Ein berufsmäßiger Politiker mag durchaus auch auf anderen Gebieten etwas können und verstehen.

Aber das sind dann Privateigenschaften, welche unter die Rubrik "Bildung" fallen, die bekanntlich umsonst ist. Ein intellektuelles Outfit ist in diesem Beruf Mittel zum Zweck für die Gewinnung einer bestimmten - notwendig begrenzten - Klientel, und wird dieser Zweck erreicht, ist es Wurst, ob die Flagge die Ware deckt.

Mai 1990

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema