Ausgabe Mai 1990

Otto von Kohl

1. Probleme der Arbeitsteilung

Die häufig zu hörende Behauptung, der gegenwärtige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sei ein Idiot, verbindet sich mit dem Vorurteil, ein erfolgreicher Politiker dürfe das eigentlich nicht sein, seine Fortüne werde dadurch gleichsam unanständig. Solches Reden ist das Resultat einer deformation professionelle seiner Kritiker, die in der Regel Intellektuelle oder Angehörige der parlamentarischen Opposition sind. Ganz gewiß versteht Helmut Kohl die Worte nicht sinnreich oder auch nur zierlich zu setzen. Dies aber ist das Gewerbe des Feuilletonisten, nicht des Politikers. Den gleichen Vorwurf könnte man wahrscheinlich auch der Mehrzahl der erfolgreichen Naturwissenschaftler und Techniker machen, welche jedoch von niemandem für dumm gehalten werden. Ein Turnlehrer nennt einen Feuilletonisten, der keinen Handstand kann, vielleicht einen Steifschächter, niemals aber einen Deppen. Diese Höflichkeit darf umgekehrt auch erwartet werden. Ein berufsmäßiger Politiker mag durchaus auch auf anderen Gebieten etwas können und verstehen.

Aber das sind dann Privateigenschaften, welche unter die Rubrik "Bildung" fallen, die bekanntlich umsonst ist. Ein intellektuelles Outfit ist in diesem Beruf Mittel zum Zweck für die Gewinnung einer bestimmten - notwendig begrenzten - Klientel, und wird dieser Zweck erreicht, ist es Wurst, ob die Flagge die Ware deckt.

Mai 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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