Ausgabe September 1990

Ein Menschenwissenschaftler

Zum Tode von Norbert Elias

Wer sich mit der bundesdeutschen Resonanz auf Norbert Elias *) beschäftigt, der trifft unweigerlich auf diese Interpretation seines Werkes: Den soziologischen Arbeiten von Elias, heißt es da, hafte etwas Unpolitisches an, seine Soziologie deute die Fakten, doch fehle es ihr an politischer Vision. Diese Interpretation des Elias-Werkes ist von den einen kritisch, von anderen Interpreten ist sie zustimmend gemeint. Falsch ist sie deswegen, weil sie an dem Problem, um das es Elias wirklich ging, vorbeigeht. Elias selbst spricht seine Sicht der Dinge in seinen "Notizen zum Lebenslauf" an, die er im Jahre 1985 niederschrieb:

" Es gab einmal eine große Begeisterung für den Kommunismus, Menschen haben ihr Leben geopfert - und schauen Sie, was daraus geworden ist. Es gab eine Begeisterung für den Liberalismus, amerikanische Präsidenten und Ökonomen glauben immer noch an ihn - und sind sie in irgendeiner Weise imstande, unserer ökonomischen Misere abzuhelfen? Sie handeln, als ob sie Bescheid wüßten, aufgrund von Idealen, aber in Wirklichkeit wissen sie nicht, wie die Wirtschaft und wie Staaten funktionieren. Es müßte mehr Menschen geben, die keine Angst vor dem haben, was sie entdecken, wie die Dinge wirklich sind. Das ist das Ethos eines Wissenschaftlers." ("Über sich selbst", S.

September 1990

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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