Ausgabe Oktober 1991

Appell des Staatskomitees an das sowjetische Volk vom 19. August 1991 (Wortlaut)

Landsleute! Bürger der Sowjetunion! Wir wenden uns an Sie in dieser für die Geschichte unseres Vaterlandes und unserer Völker schwierigen, kritischen Stunde. Über unserer großen Heimat schwebt eine tödliche Gefahr. Die von Michail Gorbatschow eingeleitete Reformpolitik, die als Mittel zur Sicherung der dynamischen Entwicklung des Landes und der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens konzipiert wurde, ist aus einer Reihe von Gründen in eine Sackgasse geraten. An die Stelle des anfänglichen Enthusiasmus und der Hoffnungen sind Mißtrauen, Apathie und Verzweiflung getreten. Die Machtorgane auf allen Ebenen haben das Vertrauen des Volkes verloren. Politisieren hat die Sorge um die Geschicke des Vaterlandes und der Staatsbürger aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt. Kultiviert wird eine böswillige Verhöhnung aller staatlichen Institutionen. Das Land ist im Grunde genommen unregierbar geworden.

Die gewährten Freiheiten mißbrauchend und die aufkeimende Demokratie niedertretend, entstanden extremistische Kräfte, die den Kurs auf die Eliminierung der Sowjetunion, die Zerstörung des Staates und die Machtergreifung um jeden Preis eingeschlagen haben. Mit Füßen getreten wurden die Ergebnisse des gesamtnationalen Referendums über die Einheit des Vaterlandes. Zynische Spekulationen mit nationalen Gefühlen dienen als Deckmantel für ihre Ambitionen. Die politischen Abenteurer sorgen sich weder über den heutigen Mißstand noch über die Zukunft ihrer Völker. Sie beschwören eine Situation des moralisch-politischen Terrors herauf, versuchen, sich hinter dem Schild öffentlichen Vertrauens zu verbergen, und vergessen dabei, daß sich die Beziehungen, die sie verurteilen und abbrechen, auf der Grundlage einer viel breiteren öffentlichen Unterstützung gegründet worden sind, die zudem die jahrhundertelange Bewährungsprobe der Geschichte bestanden haben. Heute sollen jene, die praktisch auf den Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung hingearbeitet haben, vor den Müttern und Vätern hunderter Opfer der Nationalitätenkonflikte Rede und Antwort stehen. Auf ihrem Gewissen lastet das schreckliche Schicksal von mehr als einer halben Million Flüchtlingen. Ihretwegen haben Millionen Sowjetbürger ihre Ruhe und Lebensfreude eingebüßt, die noch gestern in einer einträchtigen Familie lebten und heute in ihrem eigenen Haus Vertriebene sind. Über die Gesellschaftsordnung soll das Volk entscheiden, dem jedoch dieses Recht entzogen wurde.

Anstatt sich um die Sicherheit und den Wohlstand jedes Staatsbürgers und der gesamten Gesellschaft zu sorgen, nutzen Personen, die an die Macht gelangten, sie häufig als ein Mittel zur prinzipienlosen Selbstbehauptung. Der Wortschwall, die Berge von Erklärungen und Versprechungen unterstreichen lediglich die Dürftigkeit und die Armseligkeit ihrer praktischen Taten. Die Entwertung der Autorität zerstört unseren Staat und unsere Gesellschaft in erschreckenderem Maße als alles andere. Jeder Staatsbürger verspürt zunehmend die Ungewißheit des kommenden Tages und eine tiefe Sorge um die Zukunft seiner Kinder. [...]

 

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