Mittlerweile ist es überdeutlich und wird auch kaum noch ernsthaft bestritten: Europa befindet sich in einer tiefen Krise. Gemeint ist nicht mehr nur die Transformationskrise Osteuropas, sondern der bislang strukturierende Kern, der Hoffnungsträger einer neuen, gesamteuropäischen Architektur: die Europäische Gemeinschaft ist in Frage gestellt. Ausgehend von der dänischen Absage an Maastricht schien es sich zunächst lediglich um ein Wahrnehmungs- bzw. ein Darstellungsproblem zu handeln. Die EG-Regierungen hatten es augenscheinlich versäumt, die im Kern scheinbar unangefochtene Integrationspolitik — von dem Binnenmarktprojekt über die Einheitliche Europäische Akte bis hin zum Maastricht-Vertrag — ihren jeweiligen Landsleuten ausreichend zu vermitteln. Zu selbstgefällig hatten die politischen Klassen auf eine bereits hinreichend stabile europäische Identität gesetzt. Spätestens nach dem äußerst knappen Referendum in Frankreich mußten sie einsehen, daß diese Akzeptanz wohl selbst in Kernländern der EG (noch?) nicht vorausgesetzt werden kann. Die Reaktion bestand allerdings nicht in einer Überarbeitung der Integrationspolitik der letzten Jahre, sondern — auch in der Bundesrepublik Deutschland, wo der Ausgang eines Referendums ebenfalls ungewiß wäre — vorwiegend in PR-Erwägungen nach dem Motto „Wie sag ich's meinem Volke?".
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.