Ausgabe Dezember 1993

Separatismus als Oppositionsersatz

Die Demontage des kanadischen Parteiensystems

Eine Schulklasse lauscht gefesselt ihrem Lehrer. Sein Thema ist die Geschichte des Balkans. In den Mienen der Schüler spiegeln sich Angst und Entsetzen. Nur ein Schüler ist hochvergnügt und reibt sich fröhlich die Hände. Dieser Knabe trägt eindeutig die Züge von Lucien Bouchard, dem Spitzenkandidaten des separatistischen "Bloc Quebecois", der am 25. Oktober 1993 zur zweitstärksten Fraktion im kanadischen Parlament geworden war.

Aber nicht nur in dieser Karikatur der Tageszeitung "Globe and Mail" kam die Furcht vor einer Balkanisierung Kanadas zum Ausdruck. Überdies wird die Angst vor einem Zerfall Kanadas nicht nur durch das gute Abschneiden des frankophonen "Bloc Quebecois" genährt. Ein anderes Beispiel aus der Welt der Karikatur: Die satirische Zeitung "Frank" stattete auf ihrer Titelseite Preston Manning, den Chef der (vornehmlich westkanadischen) Reformpartei, mit Hitler-Bärtchen und -Tolle aus, ergänzt um die Schlagzeilen "Alberta über Alles" und "Herr Manning Comes To Ottawa". Auch dies ist gewiß satirische Überspitzung.

Aber immerhin verglich selbst der weniger satirische Berliner "Tagesspiegel" die rechtspopulistische Reformpartei mit den deutschen "Republikanern" und den "Bloc Quebecois" mit "einer ostdeutschen Partei mit dem Programm der erneuten Teilung Deutschlands".

Dezember 1993

Sie haben etwa 18% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 82% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.