Ausgabe September 1993

Deutschland im Epochenwechsel

Der Umbruch in Deutschland und Europa beschert uns eine neue-alte Welt. Vieles erinnert an das fin-de-siecle und die Zwischenkriegszeit. Und dennoch handelt es sich hierbei nicht um bloße Wiederholung des Vergangenen. Eher erfolgt aus Mangel an Orientierung ein Rückgriff auf historische Zeiten, die jenen Räumen eingeschrieben sind, die zunehmend und konfliktreich die gegenwärtige und voraussichtlich auch die zukünftige Wirklichkeit zu bestimmen drohen. Dies gilt im übrigen auch für die eher als innenpolitisches Phänomen erachtete Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

Trotz aller unmittelbaren Gewißheit über die Umstände ihrer Verursachung wird mit angehaltenem Atem durchaus verspürt, diese unleidigen Ereignisse gehörten recht eigentlich zu Epiphänomenen einer neuen Zeit, die sich bislang eines jeden Einblicks erwehrt. Verhalten wird der zunehmende Verfall bislang gültiger Begriffe und hierzu gehöriger politischer Semantik registriert.

In der Tat findet sich mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes als systemischer Konstituante eines Weltsystems ein ganzer Deutungszusammenhang von Lebenswelten annulliert.

September 1993

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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