Ausgabe November 1994

Kerne und Kerneskerne:

Selbstbestimmung und Sezession. Herausforderung für die Staatengemeinschaft

1. Die überraschende Aktualität von 1919

Mit dem großen Aufatmen war es schnell vorbei. Schon erheben sich Stimmen, die der Blockkonfrontation nachtrauern. Deren Jahrzehnte lang schwer drückende Lasten, sei es das Damoklesschwert nuklearer Abschreckung mit all seinen Risiken, seien es die im Realsozialismus notfalls manu militari exekutierten „allgemeinen Gesetzmäßigkeiten" des Marxismus-Leninismus, werden flugs verdrängt. Post festum erscheint dann der globale Bipolarismus ins rosige Licht einer Machtkonstellation getaucht, die zumal in Europa politische Stabilität verbürgte. Seit es damit zu Ende ist, zerfiel nicht nur das, was früher das „sozialistische Lager" hieß, sondern setzte auch ein staatlicher Zerbröckelungsprozeß der Sowjetunion ein, der möglicherweise noch nicht an sein Ende gelangt ist. Und anstelle des raschen Übergangs zu einer stabilen europäischen Friedensordnung - vielen Politikern, Publizisten und manchen Politikwissenschaftlern zufolge eine Sache lediglich von ein paar Jahrensind alte und neue Formen von Gewalt, aggressivem Nationalismus, Kriegen und Bürgerkriegen freigesetzt worden, die beängstigend zunehmen. Hals über Kopf erklären Zeitgeist-Diagnostiker wie Hans-Magnus Enzensberger die „Aussichten auf den Bürgerkrieg" zum Signum unseres Zeitalters, wenn nicht gar zur Wiederkehr der angeblichen Normalität von Geschichte.

November 1994

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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