Ausgabe März 1995

Ausschläge eines Seismographen

Das Jahrhundert des Ernst Jünger

Am 29. März 1995 wird Ernst Jünger 100 Jahre alt. Der erbitterte Feind der ersten deutschen Republik, der auch aus seiner Distanz zur zweiten nie einen Hehl machte, aber schon 1984 in Verdun zu einer Symbolgestalt Kohlscher Geschichtspolitik avancieren durfte, rückt im juste milieu des neuen Deutschland wie selbstverständlich in die Funktion des Staatsschriftstellers ein. Seine Kritiker hat er, scheint es, ebenso wie die ungeliebte Republik, einfach ausgesessen. In den Retrospektiven der Lobredner wird die schillernde Biographie Jüngers subjektiver Verantwortung zusehends enthoben. Man rühmt ihn statt dessen, einer früh und ausgiebig gepflegten Variante Jüngerscher Selbststilisierung bereitwillig folgend, als eine Art Medium. Der schriftstellemde Soldat, der politisierende Dichter wird zum „Seismographen", Verstrickung zu teilnehmender Beobachtung. Zu Jünger fällt uns nichts mehr ein, sagen viele in Abwandlung eines geflügelten Wortes aus Großer Zeit. Wir haben noch einmal in den Aufzeichnungen des Säkular-Seismographen geblättert und uns dabei bewußt auf die jeweils letzten Fassungen eines durch die Jahrzehnte fortwährend eigenhändiger, wie er selbstironisch zu Protokoll gegeben hat, „Säuberung" und Nachbesserung des Autors unterliegenden Opus beschränkt. Es ging uns hier nicht um den abermaligen Nachweis politischer Verstrickung vor 1933. Aufschlußreicher als diese erscheint, daß im Jahre 1995 die unerträgliche Melange politischer, moralischer, geschmacklicher und selbst sprachlicher Inkompetenz, wie sie in beinahe jedem der nachfolgenden Seismogramme immer wieder durchschlägt, als stilistische Brillanz und geradezu wissenschaftliche Präzision, als authentische Signatur des Jahrhunderts gefeiert werden kann. D. Red.

1914/1920

Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit

„Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wie hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. .Kein schönrer Tod ist auf der Welt. . .'. Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!"

Ernst Jünger, In Stahlgewittern (Erstausgabe 1920), zit. nach: Auswahl aus dem Werk in fünf Bänden, Stuttgart 1994, Bd. I, S. 7).

1932

Das stählerne Spiegelbild der Freiheit

„Man wird eine Eigenschaft, die man vor allen anderen für das Kennzeichen des Deutschen hält, nämlich die Ordnung, immer zu gering einschätzen, wenn man nicht in ihr das stählerne Spiegelbild der Freiheit zu erkennen vermag. Gehorsam, das ist die Kunst zu hören, und die Ordnung ist die Bereitschaft für das Wort, die Bereitschaft für den Befehl, der wie ein Blitzstrahl vom Gipfel bis in die Wurzeln fährt. Jeder und jedes steht in der Lehensordnung, und der Führer wird daran erkannt, daß er der erste Diener, der erste Soldat, der erste Arbeiter ist. Daher beziehen sich sowohl Freiheit wie Ordnung nicht auf die Gesellschaft, sondern auf den Staat, und das Muster jeder Gliederung ist die Heeresgliederung, nicht aber der Gesellschaftsvertrag. Daher ist der Zustand unserer äußersten Stärke erreicht, wenn über Führung und Gefolgschaft kein Zweifel besteht."

Ernst Jünger, Der Arbeiter (Erstausgabe 1932), zit. nach der Ausgabe Stuttgart 1982, S. 15 f.

1939

Irrtum wird erst dann zum Fehler

„Ich hörte später Bruder Otho über unsere Mauretanierzeiten sagen, daß ein Irrtum erst dann zum Fehler würde, wenn man in ihm beharrt. Das Wort erschien mir um so wahrer, wenn ich an die Lage dachte, in der wir uns befanden, als dieser Orden uns an sich zog. Es gibt Epochen des Niederganges, in denen sich die Form verwischt, die innerst dem Leben vorgezeichnet ist..."

Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen (Erstausgabe 1939), zit. nach: Auswahl aus dem Werk in fünf Bänden, Stuttgart 1994, Bd. III, S. 23 f. [...]

 

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