Ausgabe März 1995

Deutsche Pietà

Am Morgen des 13. Februar 1945, die alliierte Bomberflotte war noch nicht in Sicht, erging der Befehl an die noch verbliebenen 70 Dresdner Juden, sich an bestimmten Sammelplätzen zur Deportation einzufinden. Die Bombenangriffe der folgenden Tage kamen dazwischen. Wer die Angriffe überlebte, hatte die Chance, im Chaos der Zerstörung zu entkommen. Unversöhnliche Erinnerungen binden sich an Dresden. Wer sie im Gedenken zusammenzwingen will, muß den historischen Tatsachen und Zusammenhängen Gewalt antun.

Kaum eine Gedenkrede in den letzten Jahren war so von Dementis und Absicherungen durchzogen wie die Dresdner Ansprache des Bundespräsidenten.1Das Bonner Motto des Supergedenkjahres 1995 — „Nur nichts falsch machen!" — wurde Ereignis. Man suchte das Muster und fand es. Die Rhetorik der Volkstrauertage und die Gestaltung der Allerneuesten Wache zu Berlin boten die Vorlagen. Es ist interessant und symptomatisch, daß der Bundespräsident diese Bezüge aufgriff. Volkstrauertag und Neue Wache, wie umstritten auch immer, sind symbolische Stationen kollektiven Gedenkens, in denen sich die Nation auf dem Wege der Trauer der Gemeinschaft der Lebenden versichert. Vor dem Hintergrund von Vernichtungskrieg und Völkermord sind diese Symbolisierungen des Kollektivs längst problematisch und hohl geworden.

März 1995

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