Ausgabe Januar 1996

Ende der Stagnationsperiode? Rückkehr der Politik?

Abschied von der Funktionärspartei?

Nein, das hat es in der über 130jährigen Geschichte der SPD noch nicht gegeben. Noch immer hatte bislang die Parteitagsregie funktioniert: Da waren Tage und Wochen vor den Bundesparteitagen Absprachen zwischen den verschiedenen Flügeln und Gruppierungen getroffen worden. Die Bezirke hatten untereinander vereinbart, wen man wählen sollte und wen nicht, so wurden Kandidatenlisten gestrickt, eins links, eins rechts, und regionale Interessen fielen dabei nicht unter den Tisch. Die Antragskommission bewältigte nicht nur die oft vierstellige Zahl von Anträgen, die aus den Ortsvereinen, den Unterbezirken und Bezirken an den Parteitag gesandt worden waren, sondern sie war der Ort, an dem man um Kompromisse rang, wo die auseinanderstrebenden Meinungen, Positionen und Zielvorstellungen wenigstens für den kurzen Moment einer Abstimmung miteinander verbunden wurden. Gerade wenn es brisant zu werden versprach, dann lief die Parteitagsregie Tage und Wochen vor der Tagung auf Hochtouren. Telefondrähte glühten. Parteivorstandsmitglieder, Bezirksfürsten, prominente und weniger prominente Funktionäre trafen sich und redeten miteinander, bis man „alles im Griff“ hatte. „Aufstand der Basis“, „Putsch“, „Staatsstreich“, „Überraschungscoup“, „Brudermord“ - das schien typisch für Honoratiorenparteien, für die Bürgerlichen, für die FDP.

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Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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