Ausgabe Juni 1996

Der Palästinakonflikt und das Geschlechterverhältnis

Bis heute haben in der israelischen Gesellschaft die Frage der militärischen Sicherheit und in der palästinensischen Gesellschaft die Frage der nationalen Befreiung alle anderen Themen mit einer innergesellschaftlichen Brisanz verdrängt. So scheint auch die Frage der Geschlechterverhältnisse in beiden Gesellschaften bislang kaum eine Rolle zu spielen, obwohl der israelischpalästinensische Konflikt gravierende Auswirkungen auf den Status von Frauen hat: Er hat die Geschlechterungleichheit in beiden Gesellschaften auf je unterschiedliche Art verfestigt, und er dient auf beiden Seiten zur Beibehaltung der Ungleichheit.

Israelische jüdische Frauen werden von außen meist als emanzipierte, selbstbewußte und starke Frauen wahrgenommen, die sogar die letzte Männerbastion erklommen haben: die Armee. Dieses Bild geht historisch zurück bis zur Periode des Jischuw, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft. Die Halutsot, die Pionierinnen, die kurz nach der Jahrhundertwende nach Palästina einwanderten, brachten sozialistische Gleichheitsideale mit. Für sie gehörte zum Aufbau der neuen Gesellschaft – zu ihrer zionistischen Vision – auch die Emanzipation der Frauen. In der einen Hand den Pflug, in der anderen das Gewehr haltend, so sollten sie das Gegenbild der jüdischen Frauen in der Diaspora darstellen.

Juni 1996

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