Frankreich ist anders. Da schreibt einer der führenden französischen Soziologen einen „Lettre à Lionel, Michel, Jacques, Martine, Bernard, Dominique ... et vous“, wendet sich also mit einem „Brief“ an die Köpfe der französischen Sozialdemokratie (Jospin, Rocard, Delors, Aubry u.a.) – und liefert eine hundertseitige Abhandlung über „die Erfindung einer anderen Linken“. Diesen „Brief“ findet man überall in Frankreich, auch in Kaufhausregalen, Ende 1995 und Anfang 1996 erlebt die Schrift (Librairie Arthème Fayard, Paris) kurz hintereinander zwei Auflagen. Ungewöhnlich ist auch, was Touraine als Aufgabe – ausgerechnet? – der Linken identifiziert: „Wiederzuvereinigen, was getrennt wurde“ (S.83). Und das bedeutet? „Einige der besten Köpfe dieses Jahrhunderts, insbesondere Jürgen Habermas, haben die Krise der heutigen Gesellschaft als Zerstörung der Lebenswelt durch das strategische Handeln, das ich lieber als instrumentelle Rationalität bezeichne, definiert. Ich mißtraue dieser einseitigen Verurteilung. Wir brauchen technische Rationalität ebenso wie kulturelles Gedächtnis; vor allem darf man nicht, wie seit Tönnies so oft geschehen, die Gesellschaft der Gemeinschaft und den Wandel der Ordnung entgegensetzen: wir müssen wiedervereinigen, was auseinandergerissen wurde.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.