Ausgabe Mai 1996

Alles eine Frage des Standorts

Man muß schon einen ziemlich grimmigen Humor haben, um es lustig zu finden, daß das grün-ökologische Motiv vom „Rückbau“ der Industriegesellschaft neuerdings von allen Kanzeln des „Standort Deutschland“ gepredigt wird, allerdings mit einer kleinen Verschiebung: vom „Rückbau“ des Sozialstaates ist die Rede. Wer da in den Umkreis einer „Anpassung“ oder gar einer „Reform“ gerät, der tut gut daran, sich warm anzuziehen. Daß diese Ausdrücke im Munde der Politiker einen drohenden Unterton angenommen haben, ist noch milde formuliert.

Wer aber ist es, der „Anpassungen“, auch und gerade „schmerzhafte“, erzwingt? Es ist der „Standort“, die rhetorische Dampfwalze, mit der die Politiker aller Parteien derzeit am liebsten spielen. Ob die Unternehmenssteuern gesenkt, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gestrichen oder die Arbeitslosenhilfe reduziert werden soll – für alle Aktionen gibt es nur einen Grund und einen Nutznießer: den „Standort“.

Rhetorische Neuerungen dieses Typs, die sich widerstandslos durchsetzen und die bald nach ihrem ersten Auftritt Parteigrenzen überschreiten, sind unter zwei Gesichtspunkten interessant: als Indikatoren einer neuen, veränderten Lage und als Faktor des rhetorischen Managements, des Macht und Zustimmung organisierenden Umgangs mit dieser neuen Lage.

Mai 1996

Sie haben etwa 53% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 47% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo