Ausgabe November 1996

Reprint: Einsicht und Umkehr

Als der letzte Versuch, Deutschland von seiner verhängnisvollsten Regierung zu befreien, endgültig mißlungen war, in jenen bedrückenden Tagen nach dem 20. Juli 1944, stand mit unabdingbarer Klarheit vor unseren Augen, was jetzt kommen mußte: die Spaltung Deutschlands und die Rivalität seiner beiden Teile, die jeweils einem anderen Kulturkreise zufallen mußten. Auch daß Deutschland damit symptomatisch werden würde für die Gesamtlage Europas, konnte man ahnen. Wir haben dieses auf uns zukommende Geschehen mit seinen inneren und äußeren Möglichkeiten damals in unvergeßlichen Gesprächen erwogen, im vertrauten Kreise der Freunde, in der peinvollen Lage derer, die sehen müssen, wie das Schicksal den einholt, der seine ureigenste Möglichkeit preisgegeben hat. Jetzt würden wir gezwungen sein, zu gehen, wohin wir nicht wollten. Es gibt solche Momente besonderer Hellsicht, dann deckt ein Blitz, grell und unausweichlich, die Landschaft vor unseren Augen auf, durch die wir in der Nacht der Bewußtlosigkeit, des falschen Scheins und der feigen Träumereien dahintrotten. Dann müssen wir sehen, wo wir sind und worauf zu wir gehen.

So war damals vieles von dem, was hernach kam, vor unseren erschrockenen Blicken aufgedeckt. Aber als es real wurde, schwand im allgemeinen Bewußtsein unseres Volkes die Einsicht in die innere Notwendigkeit dieses Geschehens.

November 1996

Sie haben etwa 29% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 71% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo