Ausgabe November 1996

Wege in und Wege aus Sackgassen

In der Debatte über den Standort Deutschland wird als selbstverständlich angenommen, daß die nicht geringen ökonomischen Probleme der Bundesrepublik vorwiegend durch den Druck des globalisierten Wettbewerbs verursacht werden und umgekehrt durch weltmarktorientierte Strategien erfolgreich zu beheben sind. Senkung der Lohnkosten, besonders der Lohnnebenkosten, Reduzierung der Sozialleistungen, Verminderung der Steuerlast für Unternehmen und hochtechnologisches, weltmarktorientiertes Wachstum erscheinen als unausweichliche Reaktionen auf den „Sachzwang Weltmarkt“. Die dramatische Verschärfung des internationalen Wettbewerbs gilt weithin als der für unternehmerisches Handeln und staatliche Wirtschaftspolitik wichtigste und folgenreichste Prozeß im gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel.

Diese Sicht birgt erhebliche Merkwürdigkeiten. Erstens: Determinismus, der von zwangsläufigem richtungsbestimmten Handeln ausgeht, und Strukturalismus, der solches Handeln aus strukturellen Zwängen herleitet, gelten allgemein als antiquierte Denkansätze. Vor allem Marxens Lehre vom Wirken ökonomischer Gesetze als wirtschaftliche Handlungszwänge gilt durch die Entscheidungsfreiräume in Wirtschaft, Politik, Rechtsetzung und anderen Sphären unserer offenen Gesellschaft weithin als widerlegt. Nun aber erfahren wir, daß es diese Freiräume doch nicht gebe.

November 1996

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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