Ausgabe Juni 1997

Direkte Demokratie à la Fujimori

Das Ende war so spektakulär und überraschend wie der Beginn. Als die Rebellen der „Revolutionären Bewegung Tupac Amaru“ (MRTA) am 17. Dezember die japanische Botschaft in Peru überfielen und mehr als 400 Geiseln nahmen, da glaubten die Peruaner an einer Wiederauferstehung der Toten. Denn eigentlich galten die Guerilleros als vernichtet. Der Überfall auf die japanische Residenz bewies das Gegenteil.

Die Geiselnehmer brachten Fujimori in einer ausweglose Lage, so glaubten viele: Er müsse entweder verhandeln und dabei Schwäche zeigen oder die Botschaft stürmen lassen und Dutzende Geiseln in den Tod schicken. Wie er sich auch entscheide, er könne nur verlieren. Mit der perfekt inszenierten militärischen Rückeroberung strafte nun der Präsident alle Vorhersagen Lügen.

Als die längste Geiselnahme in der Geschichte Lateinamerikas nach 126 Tagen innerhalb von 37 Minuten beendet war, hieß die Bilanz: 2 Tote Soldaten, ein an Herzversagen gestorbener Politiker, 14 tote Rebellen – zehn von ihnen unter 21 Jahren, zwei gerade einmal 15. Und ein peruanischer Präsident, der die größte drohende Niederlage seiner Amtszeit in seinen größten Sieg verwandelt hatte. Die Weltpresse jubelte, das Ausland gratulierte, die Popularität des Präsidenten stieg in ungeahnte Höhen. Der Erfolg hatte Alberto Fujimori wieder einmal brutal Recht gegeben.

Juni 1997

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