Ausgabe Mai 1997

Wo endet Europa?

Die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei, aber auch das deutsch-türkische Verhältnis haben in den letzten Wochen einen historischen Tiefpunkt erreicht.

Zwar bemühen sich alle Seiten - mehr schlecht als recht -, die Zerrüttung des Verhältnisses als Folge von politischen Mißverständissen und somit als reparabel darzustellen, doch zeigt ein Blick auf die Ereignisse, daß hierbei viel diplomatischer Zweckoptimismus im Spiel ist. Ohne Anstrengungen beider Seiten, zu einem Umdenken in den Beziehungen zu kommen und die Anliegen des jeweilig anderen ernst zu nehmen, wird längerfristig eine dauerhafte Entfremdung zwischen der EU und der Türkei nicht zu verhindern sein. Mitte Dezember 1996 drohte die türkische Außenministerin mit einer Blockade der NATO-Osterweiterung, falls die Europäische Union die Türkei nicht in die Liste der Beitrittskandidaten aufnähme. Auf einem Treffen mit fünf EU-Außenministern in Rom Ende Januar pochte sie noch einmal unmißverständlich auf den Anspruch der Türkei, mit den "ehemaligen Gegnern aus dem Warschauer Pakt" bei der EU-Erweiterung gleichbehandelt zu werden. Als Antwort erhielt sie nur die Zusicherung ihrer EU-Kollegen, daß der türkische Beitrittsanspruch unverändert bestehe; von Gleichstellung war nicht die Rede.

Mai 1997

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.