Mit Verwunderung und leichter Befremdung registriert der in Ankara "stationierte" Beobachter die Richtung, in welche die Diskussion um eine EU-Mitgliedschaft der Türkei zu gleiten droht. Seit im März 1997 einige Spitzenpolitiker christdemokratischer Parteien in Brüssel über den christlichen Charakter der Union räsoniert haben, kreist die öffentliche Diskussion mehr und mehr um die Frage, ob denn einem Land mit islamisch geprägter Kultur überhaupt der Zutritt in die EU zu gewähren sei. In der Türkei selbst wächst die Überzeugung, nicht politische und ökonomische Hindernisse, sondern die simple Tatsache ein islamisches Land zu sein, habe dazu geführt, daß die EU in ihrem Luxemburger Beschluß von Mitte Dezember 1997 der Türkei einen Platz in der letzten Reihe zugewiesen hat. Eine innenpolitische Grundstimmung, auf die Ministerpräsident Mesud Yilmaz nicht zuletzt abzielte, als er die EU-Politik der Bundesregierung mit der Nazi-Doktrin vom "Lebensraum im Osten" verglich. 1) Als fast schon grotesk erscheint aus der Perspektive Ankaras, wenn nun auch noch die Befürworter einer türkischen EU-Mitgliedschaft beginnen, ihren Standpunkt mit religiös-kulturellen Argumenten zu untermauern.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.